12.01.2017

Mutismus

(S)elektiver Mutismus

Der (s)elektive Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende Hemmung der Lautsprache gegenüber einem bestimmten Personenkreis. Die Hör- und Sprechfähigkeit ist erhalten, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl

  • psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch
  • physiologische Faktoren (familiäre Dispositionen, Hypokonzentration des Neurotransmitters Serotonin im Hirnstoffwechsel, Hyperfunktion der Amygdala, psychiatrische Grunderkrankungen, Entwicklungsstörungen) in Frage, die zumeist in einer
  • gegenseitigen Ergänzung (z.B. Diathese-Stress-Konfigurationen) zur Sprechverweigerung führen.

 

Totaler Mutismus

Der totale Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende völlige Hemmung der Lautsprache bei erhaltenem Hör- und Sprechvermögen, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen sowohl

  • psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch
  • physiologische Faktoren (familiäre Dispositionen, Hypokonzentration des Neurotransmitters Serotonin im Hirnstoffwechsel, Hyperfunktion der Amygdala, psychiatrische Grunderkrankungen, Entwicklungsstörungen) in Frage, die zumeist in einer
  • gegenseitigen Ergänzung (z.B. Diathese-Stress-Konfigurationen) zur Sprechverweigerung führen.

 

10 FAQs zum Mutismus

Wenn das eigene Kind sich nicht so verhält wie alle anderen Kinder, ist das Erschrecken in der Familie oft sehr groß. Warum schweigt mein Sohn oder meine Tochter in manchen Situationen? Zu Hause spricht mein Kind doch ganz normal! Wie können Eltern ihrem Kind helfen? Im Folgenden wollen wir einen kurzen Überblick über die häufigsten Fragen beim Störungsbild Mutismus geben.

Frage 1: Was bedeutet überhaupt „Mutismus“?
Frage 2: Wie erkennt man Mutismus?
Frage 3: Ist mein Kind nur schüchtern oder mutistisch?
Frage 4: Welche Ursachen kann der Mutismus haben? 
Frage 5: Wer diagnostiziert den Mutismus?
Frage 6: Die Diagnose Mutismus ist gestellt. Wie geht es nun weiter?
Frage 7: Spieltherapie, Familientherapie, Sprachtherapie, Verhaltenstherapie, Psychiatrie? Wer blickt da noch durch?
Frage 8: Hilft Homöopathie bei Mutismus?
Frage 9: Gibt es Medikamente, die helfen können?
Frage 10: Die Angst überwinden, indem man sich ihr aussetzt?

Frage 1: Was bedeutet überhaupt „Mutismus“?

Das Wort Mutismus wurde vom lateinischen „mutus“ abgeleitet, was so viel wie „stumm“ bedeutet. Genau genommen ist der Begriff „Mutismus“ somit eigentlich falsch, denn Menschen, die unter Mutismus leiden, sind ja nicht stumm im Sinne von „nicht fähig zu sprechen“. Wenn man einmal vom akinetischen Mutismus (auch posttraumatischen Mutismus) absieht, können eigentlich alle Menschen, die mutistisch sind, per mündlicher Sprache, d.h. Sprechen, kommunizieren. Sie tun es aber aufgrund einer starken Angst nicht.

Frage 2: Wie erkennt man Mutismus?

Gerade für die Eltern (s)elektiv mutistischer Kinder ist das eines der größten Probleme, denn meist sprechen diese Kinder ja in der vertrauten heimischen Umgebung ungehemmt mit allen Mitgliedern der Kernfamilie. Dass diese Kinder aber im Kindergarten oder in der Schule beharrlich schweigen, wenn sie von der Kindergärtnerin, einem Lehrer oder dem Hausmeister angesprochen werden, wird von den eigenen Eltern leider oft erst viel zu spät erkannt. Deswegen unsere Empfehlung: Erkundigen Sie sich bitte immer detailliert danach, ob sich Ihr Kind auch im Kindergarten bzw. in der Schule kommunikativ normal verhält. Zeigt es dagegen eine oder mehrere der folgenden Auffälligkeiten, so ist eine erhöhte Aufmerksamkeit angebracht:

Schweigen gegenüber bestimmten Menschen, Menschengruppen oder in spezifischen Situationen.
Quantitativ leicht oder stark erhöhtes Kommunikationsverhalten zu Hause, das sich beim Erscheinen von fremden Personen oder in fremden Situationen schlagartig einstellt.
Angst, sich körperlich zu erproben (Fahrrad fahren, Schwimmen, Klettern).
Angst, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. Sorge darum, wie man selbst auf andere wirkt.
Angst vor körperlicher Nähe zu Fremden, Angst alleine zu schlafen, gelegentliches Bettnässen.

Frage 3: Ist mein Kind nur schüchtern oder mutistisch?

Schüchterne Kinder versuchen zwar auch manchmal, sich gegenüber Fremden oder in ungewohnten, als unsicher empfundenen Situationen, verbal zu entziehen. Sie antworten jedoch, wenn auch gehemmt, sobald sie angesprochen werden, oder kommunizieren von sich aus, wenn sie sich sicher und der Situation gewachsener fühlen. Bei einem elektiv oder selektiv mutistischen Kind würde genau das jedoch nicht passieren, denn diese Kinder entscheiden nicht bewusst darüber, ob sie schweigen oder reden, sondern die Situation „selektiert“ darüber, ob der Sprechantrieb oder die Sprechangst die Oberhand behält.

Frage 4: Welche Ursachen kann der Mutismus haben?

Die große Mehrheit der mutistischen Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen hat eine genetische Disposition zur Ängstlichkeit und Gehemmtheit. Man könnte sagen, sie haben die Tendenz, auf ungewohnte Situationen und fremde Personen extrem ängstlich und kommunikativ verschlossen zu reagieren, als Anlage geerbt.

Diese Kinder zeigen sehr oft schon im Kleinkindalter typische Angstsymptome wie Trennungsangst von den Eltern, extrem klammerndes Verhalten vor allem gegenüber der Mutter, wenig Drang zur körperlichen Bewegung, Einschlafstörungen, Launenhaftigkeit, Wutanfälle, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es wollen, sowie regelrechte Weinanfälle. Mit Beginn des Kindergartenalters, in dem man anfängt, sich zunehmend auch außerhalb der Familie sozial zu engagieren, manifestiert sich ihre fortdauernde Rede- und Kommunikationsangst als Mutismus, gepaart mit Symptomen wie starre Körperhaltung, leerer Gesichtsausdruck, Vermeidung der Blickfixierung, fehlendes lautes Lachen, Weinen und Husten.

Jüngere Forschungen haben weiterhin gezeigt, dass Kinder, die ein sozial gehemmtes Verhalten zeigen, über eine verringerte Reizschwelle ihres Angstzentrums im Gehirn, der so genannten „Amygdala“, verfügen. Die Amygdala (auch Mandelkern) sendet neuronale Impulse aus, sobald sich ein Mensch in einer potenziellen Gefahrensituation befindet. Diese helfen dem Einzelnen, sich vor der Gefahr besser zu schützen, schnell aus einer gefährlichen Situation zu flüchten oder durch Veränderungen des Stoffwechsels die Aufmerksamkeit der Sinne zu schärfen. Bei extrem ängstlichen Menschen, also auch bei Mutisten, scheint dieses Angstzentrum viel heftiger zu reagieren, als es eigentlich zum Selbstschutz nötig ist. Es suggeriert dem Betroffenen eine Angstsituation, die eigentlich gar nicht existiert. Der Angstreflex ist zu fein justiert.

Bei Kindern mit (s)elektivem Mutismus werden die Angstreaktionen durch soziale Interaktionen wie Spielplatz, Schule oder durch soziale Zusammenkünfte ausgelöst. Auch wenn es scheinbar keinen logischen Grund für diese Ängste gibt, sind die Gefühle für das Kind äußerst real.

Zum Vergleich: Eine Person mit einer Spinnenphobie empfindet reale, lähmende Angst, wenn sie gezwungen wird, eine Spinne zu sehen oder gar anzufassen. Diese Person kann gedanklich durchaus verstehen, dass die Spinne harmlos ist, aber auch noch so viele Erklärungen werden die Ängste und die körperlichen Reaktionen wie Herzrasen, verschwitzte Handflächen, Harndrang und den starken Vermeidungswunsch der angstauslösenden Situation, nicht verringern.

Im Laufe der Zeit wird ein Kind mit Mutismus stumm aufgrund des Unvermögens, mit dem beängstigenden Gefühl umzugehen, das entsteht, wenn es einer Sprachanforderung ausgesetzt ist. Außer genetischen und biologischen Faktoren geht man gegenwärtig auch von weiteren komorbiden Einflüssen aus. So zeigt die Forschung, dass eine bedeutende Anzahl von (s)elektiv mutistischen Kindern Sprach- und Sprechstörungen aufweist. Darüber hinaus kommen ca. 21% der Betroffenen aus einem zweisprachigen Umfeld. Ein stressreiches Umfeld kann ebenfalls ein Risikofaktor sein. Keinen Beleg gibt es allerdings dafür, dass die Ursache des Mutismus mit Missbrauch oder einem Trauma zu tun hat. Es ist wichtig, diesen Punkt zu betonen, weil diese Vermutungen in der Vergangenheit favorisiert wurden und leider bis heute noch präsent sind.

Die letztgenannte Auffassung ist oft sehr schädlich für Hilfe suchende Familien. Obwohl keine wissenschaftlichen Studien für einen signifikant gehäuften Missbrauch existieren, sind einige Eltern fälschlicherweise des Missbrauchs angeklagt worden oder dazu gebracht worden, sich unter Verdacht zu fühlen. Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass Kinder mit (s)elektivem Mutismus nicht häufiger Opfer sexueller Gewalt wurden als Kinder, die altersgemäß kommunizieren.

Frage 5: Wer diagnostiziert den Mutismus?

Die Diagnose Mutismus wird normalerweise vom Kinderarzt oder einem Kinderpsychologen erstellt. Hierbei sollte jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass selbst unter diesen Ärzten die Störung Mutismus noch relativ unbekannt ist. Nicht selten mussten Kinderärzte erst durch die Eltern über den Mutismus informiert werden. Häufiger bekannt ist der Mutismus bei Sprachtherapeuten. Die Sprachtherapie gehört seit Anfang der 90er Jahre neben der Psychiatrie und Psychologie als dritte Disziplin zu den Fachrichtungen, die Mutismus diagnostizieren und Schweiger behandeln.

Frage 6: Die Diagnose Mutismus ist gestellt. Wie geht es nun weiter?

Der Mutismus ist ein anerkanntes, eigendynamisches Störungsbild mit gravierenden psychosozialen Konsequenzen. Damit das betroffene Kind nicht in eine Lebenssackgasse gerät, sollte früh mit einer Behandlung begonnen werden. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit der sozialen Situation, auch wenn die Kinder im Kindergarten- bzw. Grundschulalter aufgrund ihrer sensiblen, defensiven Wesensart durchaus beliebt sein können.

Spätestens im Jugendalter gerät der mutistische Schüler in eine Außenseiterposition, wird er zum Fremdkörper im eigenen Klassenverband. Auf der weiterführenden Schule entwickelt sich der Mutismus zudem zu einem ausgeprägten Schulproblem. Reduzierte Schulabschlüsse und Berufsperspektiven sind in der Regel die Folge. Und schließlich: Ab der Pubertät, so die Erfahrung aus der Praxis, steigt die Kurve der Kombination von Mutismus und Depression sowie von Mutismus und Sozialphobie (häufig auch Schulphobie) steil an.

Eine erhöhte Suizidalität ist nicht selten. Damit eine derartige gesamtpersonale Gefährdung gar nicht erst entsteht, sollte bereits im Kindergartenalter mit einer Therapie begonnen werden. Befindet sich der Betroffene im Schulalter, so gilt für jede Stufe (Primarstufe, Sekundarstufe I und II) die Notwendigkeit einer schulbegleitenden Therapie. Wichtig: Auch im Erwachsenenalter ist eine Überwindung des Mutismus möglich.

Frage 7: Spieltherapie, Familientherapie, Sprachtherapie, Verhaltenstherapie, Psychiatrie? Wer blickt da noch durch?

Generell gilt: Die Therapieform richtet sich nach der abgeleiteten Primärätiologie (Erst- bzw. Hauptursache). Wird der Mutismus als Folge eines frühkindlichen Traumas interpretiert (leider noch häufig), so wird in der Regel eine analytische Spieltherapie empfohlen mit dem Ziel, diese verdeckte seelische Verletzung spieltherapeutisch aufzuspüren. Nimmt man dagegen einen latenten oder offen ausgetragenen Konflikt innerhalb der Familie an, so stellt die Familientherapie mit der Aufarbeitung der jeweiligen Beziehungsdynamik sowie der Aufdeckung von Ehekrisen und unbewussten Projektionsmechanismen zwischen den Generationen die geeignete Therapieform dar.

Die Sprachtherapie unterscheidet sich von den beiden erstgenannten Vorgehensweisen dadurch, dass sie nicht rückwärtsgewandt nach Traumata bzw. Konflikten in der Entwicklung der Schweiger sucht. Sprachtherapeutisches Handeln impliziert die aus der Familien- und Patientenanamnese ableitbare Annahme, dass es sich bei Mutismus um ein dispositionell bedingtes übersteigertes Angstempfinden handelt, das von Beginn der Entwicklung an den betroffenen Menschen in seiner sozialen und vor allem kommunikativen Entfaltung einschränkt.

Der Ist-Zustand des Betroffenen wird damit zum Ausgangspunkt einer in kleinen Schritten vorgenommenen Neukonfiguration von Sprechen und emotionaler Bewältigung von sozialen Situationen (in der Gruppe). Dabei wird folgende Didaktik berücksichtigt: Der Betroffene macht zunächst Geräusche nach oder sagt dem Therapeuten den Anfangsbuchstaben eines Bildsymbols. Es folgen Silben, später Ein-Wort-Antworten, dann kurze bzw. längere Sätze, schließlich das Vorlesen und der Schritt vom zielorientierten zum freien Sprechen. In der Endphase der Behandlung wird die Praxis verlassen und die Bewältigung von realen Alltagssituationen geübt (In-vivo-Therapie).

Die Verhaltenstherapie geht beim Mutismus von einem erlernten Verhalten aus, das sich durch neue Verhaltensmuster auch wieder verlernen lässt. Durch ein ebenfalls kleinschrittiges oder konfrontatives Vorgehen erfolgt eine Angstdesensibilisierung, um gefürchtete Situationen besser bewältigen zu können (siehe auch Fading und Shaping bei der Sozialphobie). Die Psychiatrie nimmt hinsichtlich der Entstehung des Mutismus neurobiologische bzw. biochemische Faktoren an (s.o.).

Durch spezielle Antidepressiva, die auf den Serotoninstoffwechsel einwirken, können Ängste reduziert werden. In den letzten Jahren mehren sich die Erfolge einer sprachtherapeutischen Behandlung, die im Jugend- und Erwachsenenalter, wenn erforderlich, medikamentös unterstützt werden kann. Die Entscheidung für eine der o.g. Therapieformen sollte, wie anfangs dargestellt, immer ursachengeleitet vorgenommen werden. Ein alleiniges Sich-Ausprobieren am Schweigenden ist strikt abzulehnen und fördert das ohnehin schon vorhandene Misstrauen gegenüber selbst ernannten „Fachleuten“.

Frage 8: Hilft Homöopathie bei Mutismus?

In jenen Fällen, in denen homöopathische Mittel erfolgreich eingesetzt wurden, erwiesen sich angstlösende Konstitutionsmittel als effizient.

Frage 9: Gibt es Medikamente, die helfen können?

Bei der Einbettung des Mutismus in eine schwere Depression und/oder Sozialphobie kann eine Indikation für einen Einsatz so genannter selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI = Selective Serotonin Reuptake Inhibitors) bestehen. Diese spezielle Gruppe der Antidepressiva führt zu einem Anstieg des Botenstoffs Serotonin im Hirnstoffwechsel, dessen zu niedrige Konzentration mit Depressionen, Angsterkrankungen, Aggressivität, Zwangsstörungen, Impulskontrollstörungen, Persönlichkeitsstörungen (Borderline), posttraumatischen Belastungsstörungen, Suizidalität und schizophrenen Psychosen in Verbindung gebracht wird. Eine medikamentöse Flankierung sollte immer in einen gesamten Behandlungsplan integriert werden.

Frage 10: Die Angst überwinden, indem man sich ihr aussetzt?

Was zunächst wie ein völliger Widerspruch klingt, ist tatsächlich eine häufige Behandlungsmethode, eine Angststörung zu therapieren. In der Psychologie nennt man das entweder „Angstreduktion durch systematische Desensibilisierung“ oder, je nach Intensität, „Konfrontationstherapie“. Indem der Betroffene systematisch und durch Lob unterstützt regelmäßig den angstauslösenden Situationen ausgesetzt wird, erfolgt sukzessive eine Hinführung zur Unempfindlichkeit.

Fazit

Mutismus muss kein Schicksal sein. Wenn er rechtzeitig therapiert wird, sind die Chancen, ihn zu überwinden, gut bis sehr gut. Wichtig dabei ist es, alle Menschen, die mit dem mutistischen Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen zu tun haben, umfassend über dieses Störungsbild zu informieren. Genau aus diesem Grund wurde die Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. 2004 ins Leben gerufen. Bitte helfen Sie uns, diese umfassende und schwierige Aufgabe wahrzunehmen. So können Sie unserem Verein z.B. beitreten oder uns finanziell oder ideell unterstützen.

Aus:
Hartmann, B.; Lange, M. (2007): Mein Kind hat Mutismus. Die zehn wichtigsten Fragen. Das Mutismus-Jahrbuch 2007. Neuss: Mutismus Selbsthilfe Deutschland e.V. (s. Publikationen)

Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismustherapie (SRMT)

 

  1. Das Ziel einer jeden Mutismus-Therapie ist die verbal-kommunikative und psychosoziale Öffnung des Mutismus und damit das dialogische Sprechen unabhängig von Situation und Person.
  2. Bei der Behandlung der Kommunikationsstörung Mutismus kommen psychiatrische, psychologische, sprachtherapeutisch/logopädische und ergotherapeutische Ansätze in Frage. Der Mutismus erfordert in Abhängigkeit von der individuellen Symptomatik eine interdisziplinäre Zusammenarbeit.
  3. Eine Mutismus-Therapie sollte durch eine konsequente Elternberatung das System der Kernfamilie mit einbeziehen, um aufrechterhaltende Faktoren durch die Angehörigen zu beseitigen.
  4. Um einen Transfer des Sprechens aus dem therapeutischen Setting in den Alltag zu gewährleisten, ist eine enge Kooperation mit dem institutionellen Umfeld der Betroffenen (Kindergarten, Schule, Ausbildungsbetrieb, Jugendamt, Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsstelle) notwendig.
  5. In der Behandlung des Mutismus sind direktive, verbale Behandlungsansätze, die von Beginn an am Sprechen ansetzen, zu bevorzugen, um Gewöhnungseffekte des Nicht-Sprechens bei den Betroffenen zu vermeiden. Als ambulante Therapiefrequenz sind zwei Behandlungsstunden pro Woche zu empfehlen.
  6. Nondirektive, nonverbale Therapieverläufe, die innerhalb eines Jahres weder im therapeutischen Setting noch im außerfamiliären Kontext zum Sprechen führen, sind abzulehnen, da sie der Aufrechterhaltung und Chronifizierung der mutistischen Symptomatik dienen und den subjektiven Krankheitsgewinn fördern.
  7. Effiziente Therapieansätze evozieren eine verbal-kommunikative Öffnung und erste lautsprachliche Äußerungen innerhalb von zwanzig Therapieeinheiten.
  8. Im schulischen Kontext sollte eine Notenbefreiung des Mündlichen genauso vermieden werden wie eine Unterrichtsassistenz. Beides unterstützt ebenfalls die Aufrechterhaltung und Chronifizierung des Schweigens und kann zu einer Sekundärsymptomatik (kognitive und sprachpragmatische Leistungsinsuffizienzen, sekundäre Verhaltensstörungen) führen.
  9. Vor dem Hintergrund, dass der Mutismus ab dem Jugendalter häufig von weiteren psychischen Erkrankungen begleitet wird, sollte im Jugend- und Erwachsenenalter eine Testdiagnostik Richtung Sozialphobie, Depression und Zwänge vorgenommen und Komorbiditäten in der Behandlung berücksichtigt werden.
  10. In besonders therapieresistenten Fällen ist die Indikation für eine flankierende Medicotherapie zu diskutieren. Die Fachliteratur empfiehlt bei Mutismus die Wirkstoffgruppe der sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Eine medikamentöse Unterstützung ist in einen Gesamtbehandlungsplan einzubetten.

 

Systemische Mutismus-Therapie/SYMUT®

Die Systemische Mutismus-Therapie®, abgekürzt SYMUT®, basiert auf einem systemischen Menschenbild (Modul 1), wonach keine linearen Verursachungsmuster mit eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen angenommen werden, sondern zirkuläre Prozesse. Diese zirkulären Prozesse beinhalten Wechselbeziehungen zwischen der betroffenen Person und der Umwelt, aber auch Wechselbeziehungen innerhalb der betroffenen Person. Der Mensch ist nach diesem Verständnis zugleich Systemmittelpunkt als auch Randpunkt.
Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung des Mutismus werden demnach Interaktionskreisläufe einbezogen wie

  • Beziehungs- und Kommunikationssysteme innerhalb der Familie,
  • Wechselbeziehungen zwischen der/dem Schweigenden und den selbstgewählten Bezugspersonen (Freunde, Partner),
  • Wechselbeziehungen zwischen der/dem Schweigenden und den erweiterten sozialen Kontakten (Nachbarn, Kindergärtnerinnen, Lehrer, Ärzte, Therapeuten, Fremde),
  • Wechselbeziehungen innerhalb der betroffenen Person zwischen organischen und psychologischen Merkmalen (Leib-Seele-Dualismus) wie z.B. Vorbelastung durch familiäre Anlagen für kommunikative Gehemmtheit und sozialen Rückzug in Kombination mit einer neurotischen oder erlernten Abwehr von angstauslösenden Sprechsituationen durch Vermeidung,
  • Wechselbeziehungen zwischen dem vorliegenden Mutismus und zusätzlichen (psychoreaktiven) Verhaltensstörungen wie Zurückhalten von Harn (Urinretention) und plötzliches Einnässen in der Schule oder im Kindergarten, weil nicht nach der Toilette gefragt wird,
  • Wechselbeziehungen zwischen der Ursache (erbliche Vorbelastung/Prädisposition, Störung des Serotonin-Haushalts im Hirnstoffwechsel, Hyperreaktion der Amygdala, des Angstzentrums im limbischen System, in dem die Emotionen des Menschen gesteuert werden) und dem Auslöser (Kindergarteneintritt oder Einschulung).

Bestandteile der 8-Stufen-Diagnostik (Modul 2) sind:

  1. Mutismusdiagnostik und Differentialdiagnostik,
  2. Neurologische Untersuchung,
  3. HNO-ärztliche Untersuchung,
  4. Patienten- und Familienanamnese mit dem Kölner Mutismus Anamnesebogen (K-M-A) (s. Diagnostikbögen),
  5. Psychologische Interpretation,
  6. Sprachdiagnostik mit der Definition des aktuellen Sprachstatus,
  7. Bewertung des sozialen Kommunikationsverhaltens mit dem Mutismus-Soziogramm und dem Evaluationsbogen für das sozialinteraktive Kommunikationsverhalten bei Mutismus (E-S-K-M) (s. Diagnostikbögen),
  8. Beschreibung emotionaler Motivationskritierien.

In interdisziplinären Gesprächsrunden (Modul 3) werden Personen der jeweiligen Einrichtung (Kindergarten, Schule, Wohnheime etc.) konzeptionell in die therapeutische Arbeit einbezogen und Möglichkeiten besprochen, wie Behandlungsmaßnahmen vor Ort eingeführt bzw. angewendet werden können, damit das angebahnte Sprechen im therapeutischen Setting in das soziale Lebensumfeld transferiert werden kann. Denn: Über Erfolg bzw. Misserfolg einer Therapie entscheidet nicht das Sprechen in der Praxis, sondern das Sprechen in den ehemals sozialphobisch gefürchteten Alltagssituationen!
Die Frage, ob für das betroffene Kind bzw. den schweigenden Jugendlichen eine (inkludierte) Regelschule, Förderschule oder integrative Schule die angemessene Förderung darstellt, wird in der Beratung/Elternarbeit (Modul 4) ebenso gemeinsam beantwortet wie die Umgehensweise der Eltern und Geschwister mit der/dem Schweigenden zu Hause. Wichtig ist in jedem Falle die Aufdeckung bzw. Vermeidung eines subjektiven Krankheitsgewinns, da Faktoren wie verstärkte Aufmerksamkeit in der Familie bzw. Schule, die Vermeidung von altersadäquaten Aufgaben und Pflichten sowie eine permanente Sonderstellung der Betroffenen zu einer Aufrechterhaltung des Schweigens führen und damit die Selbständigkeit der mutistischen Person, die ohnehin durch die Sprechhemmung enorm eingeschränkt ist, weiter reduzieren.
Die Mutismus-Therapie in 4 Phasen (Modul 5) ist schließlich auf die Auflockerung bzw. Überwindung des Schweigens ausgerichtet unter Einbeziehung des familiären Hintergrundes und sozialen Umfeldes des Betroffenen. Dabei wird in direktiver Form das Sprechen angebahnt. Wie an der Bezeichnung der Behandlungsphasen zu erkennen ist, wird bei der Extension der Verbalsprache die didaktische Reihenfolge Laut-, Silben-, Wort-, Satz- und Spontansprachebene berücksichtigt:

  • I. Präverbale Phase.
  • II. Lexikalisch-syntaktische Phase.
  • III. Kommunikativ-sozialinteraktive Phase.
  • IV. Nachbetreuungsphase.

Die Systemische Mutismus-Therapie/SYMUT® ist interdisziplinär ausgerichtet und versteht sich als gemeinsames Aufgabenfeld von Psychiatrie, Psychotherapie und Sprachtherapie. Aus diesen drei Fachgebieten werden diejenigen Behandlungsmaßnahmen zusammengeführt, die für den Einzelfall notwendig sind und die gefürchteten psychosozialen Konsequenzen wie

  • soziale Isolation,
  • gravierende Schulprobleme,
  • inadäquate Schulabschlüsse und
  • reduzierte Berufsperspektiven

abschwächen bzw. auflösen. Bei der Einbettung des Mutismus in eine ausgeprägte Sozialphobie und/oder Depression, in besonders therapieresistenten Fällen oder bei einer vom Kleinkindalter an bestehenden Mutismusbiographie kann eine medikamentöse Flankierung der Betroffenen vorgenommen werden. Da schwere Ängste und Depressionen häufig mit Störungen des Serotoninhaushalts (Hypokonzentrationen) im Hirnstoffwechsel verbunden sind, eignen sich besonders solche Medikamentengruppen, die speziell auf den Serotoninspiegel einwirken. Diese sind:

  • selektive Serotonin Wiederaufnahmehemmer (SSRI),
  • Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) oder
  • Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (NARI).

Die diesbezüglichen Wirkstoffe heißen:

  • Fluoxetin, Fluvoxamin, Sertralin, Paroxetin, Citalopram, Escitalopram (SSRI-Gruppe)
  • Venlafaxin, Duloxetin, Milnacipran (SNRI-Gruppe) und
  • Reboxetin (NARI-Gruppe).

Der Einsatz von Antidepressiva sollte immer in einen Gesamtbehandlungsplan integriert werden. Als Vorstufe der Medicotherapie können im Kindesalter aber auch Konstitutionsmittel aus dem Bereich der Homöopathie eingesetzt werden. Hier haben sich im individuellen Einsatz Barium carbonicum, Calcium carbonicum, Johanniskraut, Lycopodium, Phosphor und Sulfur als wirkungsvoll erwiesen.

SYMUT® – die Grundprinzipien

Über die Leitgedanken Veränderung, Zuversicht, Ich-Stärkung, Antriebssteigerung und Selbstdisziplin lässt sich ein Rahmen schaffen, der es den Betroffenen ermöglicht, sich aus der Umklammerung des Mutismus und des sozialen Rückzugs zu befreien. Lebensbejahung und aktive Lebensgestaltung müssen (wieder) in den Blickpunkt der eigenen Schöpfungskraft gestellt werden. Die Mutismus-Therapie erhält damit die Aufgabe, Visionen zu erzeugen. Nur wer von positiv besetzten Zielen getragen wird, ist in der Lage, Zukunft zu gestalten. Unter die Rolle des Verzagten, Antriebslosen – des Sonderlings – muss ein Schlussstrich gezogen werden. Der Blick geht nach vorn. Ein Neuanfang muss her. Und er ist möglich, wie die Lebensläufe im Buch „Gesichter des Schweigens – Die Systemische Mutismus-Therapie/SYMUT als Therapiealternative“ zeigen. Die Therapeuten sind gefordert, durch die Vermittlung von Zuversicht eine Initialzündung herbeizuführen und diesen Spannungsbogen nicht abreißen zu lassen. Die Betroffenen können ihrerseits die Prognose aktiv verbessern, wenn sie „den Ball annehmen“ und sich für eine Veränderung ihrer Situation entflammen lassen. Der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Selbstüberzeugung und damit Ich-Stärke werden zur zentralen Kategorie eines positiven Behandlungsverlaufs.
Zusammenfassend lassen sich die therapeutischen Grundprinzipien, über die eine psychosoziale Öffnung der Schweigenden angestrebt wird, folgendermaßen darstellen:
Abb. 2: Therapeutische Grundprinzipien der Konzeption SYMUT®
Die Neuausrichtung der Lebensgestaltung geht jedoch nicht nur von den Behandlern und den Schweigern aus. Allen am Therapieprozess Beteiligten kommt die Aufgabe zu, Zukunftsperspektiven für eine selbstbestimmte soziale Teilhabe und Unabhängigkeit zu schaffen und durch fachliche wie personale Kompetenz der Gefährdung entgegenzutreten, Mutismus und die von Mutismus Betroffenen durch unspezifische Betreuungsmuster nur zu „verwalten“. Dieser Anspruch wird durch die Tatsache, dass Mutismus im frühen Kindesalter beginnt und tiefgreifende Konsequenzen für die gesamtpersonale Entwicklung haben kann, zu einer disziplinübergreifenden Handlungsmaxime. Denn: Jeder Mensch hat ein Recht auf Zukunft, auch der vom Mutismus betroffene.

Quelle: Hartmann, B. (Hrsg.) (42013): Gesichter des Schweigens – Die Systemische Mutismus-Therapie/SYMUT als Therapiealternative. Idstein: Schulz-Kirchner
Störung der Schriftsprache (Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie)